(this time German only, sorry folks)
Das war also wieder Karneval, die fünfte Jahreszeit, bunter Ausnahmezustand und klingende Feierei in rheinischen Allerorten. Als Kind fand ich das ja toll, später war’s mir dann egal, im Norden ist der Kram nun nicht so wichtig.
Rosenmontag ist inzwischen ein Tag, der mir seit ein paar Jahren stets aufs Neue etwas Kummer und ne blöde Erinnerung in meinem autistischen Dasein beschert. Um diese möchte ich mich gern mal erleichtern.
Das Schwierige ist – wenn man mal etwas Kritik am Karneval übt, kriegt man oftmals von den, ach so toleranten Kölnern eins drüber. Ist mir jetzt aber mal egal. Ich weiß, es gibt auch viele superliebe unter denen. Jawoll.
However.
Vor fünf Jahren hab ich mir den Rosenmontagszug in Köln angesehen und unmittelbar danach auch meine Begeisterung kundgetan (s. hier). Es war gutes Wetter, ich hatte mir angesichts der kurz zuvor stattgefundenen Anschläge auf die Pariser Redaktion von Charlie Hebdo einen Solidaritätshut gebastelt und mich mental auf den Trubel vorbereitet. Mit mir waren Freunde dort, mit denen ich mich gut und sicher fühlte (sind leider zu früh gegangen). Den ganzen positiven Kram hab ich seinerzeit ausgiebig beschrieben.
Was ich ausgelassen habe, und was mir echt immer noch sehr nachgeht (nicht nur an Karneval) ist Folgendes – und ich bin mir nicht sicher, ob das nun nicht nach jammerndem Mimimikeinerhatmichlieb klingt – an diesem Tag habe ich mich zum ersten Mal in meinem Leben so richtig krass wegen meiner ‘Einschränkung’ ausgegrenzt und unwillkommen gefühlt. Ich hab mich gefühlt, wie eine, die halt durch ihre ‘Störung’ stört.
Ich bin mir nicht mal sicher, was genau ich gemacht habe. Wenn ich mich freue, eine gute Zeit habe oder aufgeregt bin, sieht man mir das durchaus an. Ich gestikuliere und die Mimik entgleist zuweilen (oki, das passiert generell, wenn ich aus der Ruhe gebracht werde). Das mag dem einen oder anderen unangenehm oder peinlich erscheinen, aber erstens ist das bei mir nun auch nicht übermäßig offensichtlich, und zweitens war ja Karneval, wo so ziemlich jede/r ab einem gewissen Alkohol- oder Freudenpegel relativ demonstrativ ihre/ seine Zufriedenheit äußert. Mir sagte mal ein Kölner, der ebenfalls autistisch ist, er liebe Karneval, weil das die einzige Zeit im Jahr sei, wo man nicht auffalle. So weit, so gut.
Nachdem der Rosenmontagszug vorbeigezogen war, gingen wir alle in eine Wohnung, wo weitergefeiert wurde, es gab Musik, es wurde geschunkelt und gesungen, zwei Leute nahmen mich in ihre Mitte, ich hakte mich bei ihnen unter und machte einfach mal mit. Vom Text der Lieder hatte ich keine Ahnung, aber das war nicht so wichtig, in dem Moment zählte das gemeinsame Feiern, so dachte ich.
Inmitten dieses ganzen Frohsinns packte mich jemand (der, der mich eingeladen hatte, mitzukommen, und der überdies durchaus von meiner ‘Einschränkung’ weiß) am Arm und zerrte mich aus dem Raum, aus der Wohnung, auf die Straße, mit den Worten: “Du gehörst hier nicht hin”.
Bumm!
Ich dachte zunächst, ich höre nicht richtig, falsche Party oder sowas. Bloß – er hatte es genau so gemeint. Ich möge bitte gehen und ihm und den anderen nicht weiter die Stimmung verderben.
Was sagt man da, wie reagiert man da?
Ich habe sogleich um Verzeihung (für was auch immer) gebeten und meinen Rückzug angeboten. Ich habe wirklich geglaubt, etwas falsch gemacht zu haben. Was es war, weiß ich allerdings weiterhin, bis heute nicht. Ich war, trotz der Menschenmassen nicht übermäßig gestresst und daher auch nicht zappeliger, als sonst. So wtf?
Ich bin also heimgeradelt, ziemlich durcheinander, fast wäre mir mein Telefon in den Rhein gefallen, und ich habe mich dann zum ersten Mal in meinem Leben ungemein betrunken (Mitbewohner Whiskyliebhaber, war leider abwesend).
Das Karnevalsmotto damals war ‘Social Jeck’, welche Ironie, denn ‘social’ war dieses “Du gehörst hier nicht hin” nun keineswegs. Eigentlich ist das eine ziemlich asoziale Aussage, wenn sie ohne Begründung erfolgt und zudem an eine gerichtet ist, die dank ihrer ‘Einschränkung’ eh etwas unsicher unterwegs ist. Irgendwie ist das eigentlich eine ziemlich miese Nummer, denke ich, wobei ich mir dessen ebenfalls jahrelang unsicher war. Vielleicht hatte ich was mißverstanden? Ist Karneval nur was für Neurotypische? Sicher nicht? Wieso dann hab ich da nicht hingehört?
Von da an bin ich Rosenmontagszügen und ähnlichen Karnevalsevents ferngeblieben, ich hab zwar zwei Jahre später noch mal an so’ner Tanzveranstaltung teilgenommen, aber irgendwie … nee! Dieser Satz klingt mir bis heute in den Ohren, und er tut auch weh, besonders an nem Tag, wie heute (Rosenmontag). Aber auch sonst.
Seither bin ich, wenn ich unter Menschen, in einer Gruppe unterwegs bin, ungemein, vielleicht zu sehr auf der Hut. Ich versuche, auf meine Worte und Gesten zu achten, mich möglichst undemostrativ zu freuen und nichts Falsches zu sagen. Ich glaube, dieser Satz “Du gehörst hier nicht hin”, den würden eigentlich nicht viele äußern. Es ist ein Arschlochsatz, er ist gemein und verletzend. Dennoch hat er mich bis heute sehr getroffen, auch, weil er von jemandem kam, der es hätte besser wissen müssen. Vielleicht nimmt die Wucht des Treffers ab, wenn ich darüber schreibe. In einer Weise ist es Mobbing, und darüber sollte man nicht schweigen.
Wer jetzt meint, ich würde mich anstellen, das sei doch nicht so schlimm, ich solle es einfach vergessen – leider funktioniert das so nicht. In einer Welt, die mir oft wie Rätsel, wie ein vermientes Fettnäpfchenfeld erscheint, läßt mich so ein Spruch den Weg vor die Tür noch vorsichtiger beschreiten. Wo mag ich noch nicht dazugehören?
Ich hab diesen Text vorab mit zwei lieben Leuten besprochen, weil ich mir unsicher war, ob das nicht zuviel Mimimi ist. Ich will hier noch hinzufügen, dass ich nicht soviel anders bin, als Ihr. Für mich ist halt alles intensiver, lauter, bunter … und manchmal auch schlimmer. Just that.
Irgendwann wird es besser werden, mit dem Wozugehören.
(ich find grad keinen schönen Schlußsatz).
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